Rezension: Support your Sisters not your Cisters

zuerst veröffentlicht in der Brav_a #8 im Oktober 2016

Die Sängerin, Autorin und Bildungsarbeiterin FaulenzA hat uns im April diesen Jahres angeschrieben, ob wir ihr Buch rezensieren können, das im März 2017 erscheinen wird. Das haben wir natürlich gerne gemacht. Mehr als vier Monate musste FaulenzA dann auf unseren ersten Textentwurf warten. Der war größtenteils positiv, aber ein paar kleine Kritikpunkte hatten wir. Die sind nun in der fertigen Rezension nicht mehr da, denn FaulenzA hat in einer freundlichen E-Mail-Diskussion (ja, das gibt es! ;) ) gesehen, was wir meinten, und die entsprechenden Buchpassagen kurzerhand anders formuliert. Von unserem Text sind also nur die lobenden Worte und eine sehr positive Einstellung gegenüber der Autorin geblieben …

FaulenzA Cover Support your sisters not your cisters
Support your sisters not your cisters
Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten

Mit Illustrationen von Yori Gagarim
Taschenbuch, 144 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-96042-010-1 | WG 973
Neuerscheinung März 2017
Verlag: edition assemblage

„Support your sisters“ hat einen theoretischen Teil in dem herausgearbeitet wird, was genau Trans*feindlichkeit ist und was diese von anderen Ungleichheitsbehandlungsweisen unterscheidet. Danach werden in einem eher praktischen Teil persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, insbesondere auch in queeren und lesbischen Szenen, beschrieben, bevor am Ende diskutiert wird, wie es anders laufen könnte.
Aus einer subjektiven Perspektive gibt FaulenzA der_m Leser_in einen guten Eindruck davon, wie viel Scheiße sich Trans*frauen in der Welt da draußen, aber auch innerhalb der queer-feministischen Szene täglich reinziehen müssen. Sie fordert Cismenschen dazu auf, sich der eigenen Privilegien klar zu werden und Solidarität zu zeigen. Ergänzt mit eigenen Songtexten, schreibt sie über das Zusammenspiel aus Trans*feindlichkeit, Misogynie (die Abwertung von Frauen), Klassismus und Ableismus. Sie kritisiert die Pathologisierung von Trans*weiblichkeit und zeigt durch Beschreibung von persönlichen Erfahrungen, was für ein entwürdigendes Verfahren Trans*personen durchlaufen müssen, um die Kostenübernahme für eine geschlechtsangleichende OP zu erhalten.

FaulenzA beleuchtet die Auswirkungen von lebenslangen Ausschlusserfahrungen, die ein selbstbewusstes Auftreten erschweren und es so Betroffenen auch in vermeintlichen Safe Spaces schwierig machen können, sich ihren Raum zu nehmen. Hinzu kommt, dass auch queere und feministische Zusammenhänge von Vorurteilen und Herrschaftsstrukturen aus der Normalgesellschaft durchsetzt sind. Wie andere vor ihr schon kritisiert haben, wird auch hier Männlichkeit als stark und positiv betrachtet, während Weiblichkeit abgewertet wird. Und zu Recht kritisiert FaulenzA die Ausschlüsse, die gegen Trans*frauen durch diskriminierende oder schwammige Definierung von vermeintlich antisexistischen und feministischen Schutzräumen ausgesprochen werden.

In der Kritik an der queer-feministischen Szene illustriert das Buch immer wieder die Interessenskonflikte innerhalb dieser sehr heterogenen Menschengruppe. Ein Beispiel ist die Art, wie Menstruation in Form von Workshops, Vorträgen oder Kunst auf queer-feministischen Veranstaltungen oft thematisiert wird. Während es für menstruierende cis-Frauen höchst empowernd sein kann, sich über dieses gesellschaftliche Tabuthema und Tipps gegen Schmerzen auszutauschen, sind die Zielgruppenformulierungen oft verletzend für andere Gruppen. Eine „an Frauen“ gerichtete Veranstaltung übersieht, dass es sowohl trans*-Männer gibt, die menstruieren, als auch Frauen, trans*-Frauen wie cis-Frauen, die nicht menstruieren.

Das Buch verdeutlicht also, dass „die Szene“ eher ein Sammelbecken als ein monolithischer Block ist, in dem sich verschiedene Personen, die auf verschiedene Weise von der Gesellschaft geprägt und meistens schlimm behandelt wurden, wiederfinden und gemeinsame Räume miteinander verhandeln. Dadurch, dass alle Leute die diskriminierenden Gesellschaftsstrukturen noch in sich tragen, ist es leider unmöglich, die Szene als absoluten Safe Space zu etablieren.
Was wir aber etablieren können, ist eine Kultur des Den-anderen-Zuhören und der Empathie, das Sich-selbst-Reflektieren und Kontinuierlich-an-sich-Arbeiten. FaulenzAs Buch ist genau dafür geeignet: Es bildet die Perspektive einer Person ab, die sowohl in der Gesellschaft als auch in der Szene viel zu wenig gehört und berücksichtigt wird. Das sollten wir ändern!


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